Pia Kristin01

5 Minuten

„Ich hab’ noch nie …“ 

Ich flüstere die Worte so leise, dass ich mir nicht sicher bin, ob Nico sie verstanden hat. Durch den kleinen Schlitz an der Schranktür fällt ein leichter Lichtstrahl. Wir stehen im Schrank von Susi und ich fange an, Geburtstagsfeiern zu hassen. „Es ist nicht schlimm“, sagt er. Ich spüre seinen Atem und wie er näherkommt. „Mach einfach deinen Mund zu, und wenn ich meine Lippen auf deine lege, öffnest du ihn etwas.“ Ich kann nicht darüber nachdenken, als ich schon seine feuchten Lippen auf meinen spüre. Ich schrecke zurück und muss spucken, so eklig finde ich es. „Bäh, was soll das?“ Ich versuche, leise zu sprechen. Aber das Kichern vor dem Schrank verrät mir, dass man uns gehört hat. „Die Tina hat sich nicht so angestellt“, sagt Nico beleidigt. Wenn ich ihn sehen würde, würde ich ihm eine knallen. Wann sind die verdammten fünf Minuten nur herum? Ich drücke mich in die Schrankecke und verschränke die Arme. Den will ich jedenfalls nie wieder küssen.

Ich muss laut auflachen und halte mir sofort die Hand vor den Mund. Der komplette Vorstand schaut mich fragend an. Ich konnte nichts gegen die Gedankenschleife machen, die in den Kopf schoss, als ich sehe, wer den Saal betritt. Ich entschuldige mich leise und senke meinen Blick, damit niemand mein Grinsen sehen kann. Kurz hebe ich meinen Kopf, um mich zu vergewissern, dass er es wirklich ist, Nicolas Wöll, mein neuer Chef. Seine Lippen sind immer noch so voll wie damals. Warum genau wollte ich nie wieder küssen? Er kommt auf mich zu. „Schön, dich hier zu sehen, Caro, es ist verdammt lang her.“ Er streckt mir seine Hand entgegen. „Dreißig Jahre, um genau zu sein.“ Sage ich und kann meinen Blick nicht von seinem geschwungenen Mund lassen. „Ich habe einiges dazugelernt“, sagt er, und sein Blick verrät mir, dass er genau die gleiche Szene, von damals, in Susis Kleiderschrank vor Augen hat, wie ich.  

Das Marmeladenkomplott

Ich sehe sie, sie steht in diesem Regal, einem anderen Regal als sonst. Ob sie im Angebot ist? Ich schaue mir die Preisschilder an, obwohl ich kaum meine Augen von ihr lassen kann. Oh jaaa, sie ist diese Woche günstiger, es ist ein Angebot, drei für zwei. Mein Herzschlag setzt einmal kurz aus, so freut es mich. Ich greife nach ihr und spüre das glatte, kalte Glas in meinen Fingern, und ein kalter Schauer läuft über meinen Rücken. Nur kurz, dann habe ich mich wieder im Griff. Ich muss meinem Therapeuten erzählen, wie stark ich war, dass ich nur ein Glas trotz des Angebots gekauft habe. Oder soll ich? Vielleicht zwei? Ergibt das Sinn? Wenn ich dann noch ein Glas nehmen kann? Die Verkäuferin an der Kasse wird mich ohnehin ansprechen und mich bitten, noch eins zu nehmen. Ich kann dann sagen, dass es nicht meine Schuld ist. Es war doch ein Angebot. Schweißtropfen bilden sich auf meiner Stirn. Ich wische sie mit meiner zitternden Hand weg. Was soll ich bloß tun? Verzweiflung macht sich in mir breit. Ich gehe einen Schritt zurück. Manchmal reicht es, den Blickwinkel zu ändern. Doch dieses Mal nicht. Sie steht neben den Haferflocken, die auch im Angebot sind. Ob ihr das gefällt? Ich würde sie gerne fragen, traue mich aber nicht. Nicht hier, keiner darf wissen, was für ein Verhältnis wir haben. Ich schließe kurz die Augen und versuche, mich zu konzentrieren. Vielleicht schickt sie mir Schwingungen? Als ich das Kribbeln in meinem Körper spüre, weiß ich, dass sie es ist. Sie will nicht hierstehen, nicht neben den Haferflocken. Ich kann es verstehen. Ich soll sie mitnehmen. »Alle«, sagt sie. Ich schüttele den Kopf, das geht nicht. „Es tut mir leid“, flüstere ich. Das Kribbeln wird stärker, die Stimme lauter. „Du musst“, zischt sie mich an. Erschrocken öffne ich die Augen und schaue mich um. Keiner scheint sie gehört zu haben, nur ich. Ich gehe wieder einen Schritt nach vorn. „Was soll das?“ Frage ich sie. Ich blicke nochmals um mich, nur um sicherzustellen, dass mich keiner beobachtet. „Ich kann höchstens drei“, ich zögere kurz, „maximal sechs Gläser mitnehmen.“ Ich spreche so leise, dass ich selbst nicht genau weiß, ob ich es laut ausgesprochen habe, oder die Stimme nur in meinen Gedanken war. „Alle!“ Zischt sie wieder und ich glaube, ihren süßlichen Atem wahrgenommen zu haben. Kurz vernebelt er meine Sinne. Diesen fruchtig frischen Duft nach Erdbeeren kann ich auf meiner Zunge schmecken. Meine Synapsen sind kurz vor dem Durchdrehen. Ich hatte mir so fest vorgenommen, stark zu sein, hatte aber nicht mit einem Angebot gerechnet und bin bisher nicht so weit. Ich habe mich falsch eingeschätzt, mein Therapeut auch. Eine Stimme neben mir holt mich aus meinen Gedanken. „Was für ein tolles Angebot.“ Sagt die ältere Dame neben mir, und ich kann nur nicken. Wie recht sie hat. Sie greift nach einem Glas. Die Erdbeeren darauf schauen mich strafend an. Warum sie? Warum nicht du? Scheinen Sie zu fragen. Ich schaue weg, kann es nicht mit ansehen. Da fällt mein Blick, ein Regal weiter, auf eine Pflaume. Süß schaut sie aus. Das Kribbeln aus meinem Körper verschwindet. Es wird von einem wärmenden Gefühl verdrängt, das sich in mir ausbreitet. Ich werde magisch angezogen. Wie selbstverständlich setze ich einen Fuß vor den anderen, bis ich vor ihr stehe. „Hallo“, hauche ich ihr entgegen. „Schön, dass du da bist!“, höre ich sie säuseln. Sie ist ein ganz anderer Typ als diese Erdbeere. Ich berühre sie vorsichtig. Ihr Glas wirkt nicht so kalt, ob es an ihrer Form liegt? Sie ist geschwungener, ihr Etikett leuchtender. Sie ist nicht im Angebot, was sie auch nicht nötig hat. Ich kann ein Glas mitnehmen, ohne mir Gedanken darüber zu machen. Und morgen kann ich wiederkommen und mir wieder ein Glas kaufen. In meinem Küchenschrank kann ich sie nebeneinanderstellen. Ich habe ihn extra ausgeräumt. Ich habe Platz geschaffen, nicht nur in meinem Schrank, sondern auch in meinem Leben. Die Zuversicht, eine richtige Wahl getroffen zu haben, durchflutet meinen Körper. Ich greife nach einem Glas Pflaumenmus und habe das Gefühl, dass sie mir etwas entgegenkommt. Mein Herz hüpft, Tränen der Rührung bilden sich in meinen Augenwinkeln. Ich höre ein Stöhnen, dann ein Knarren. Mein Blick geht zurück zur Erdbeere, wutentbrannt schaut sie mich an. Dann passiert es: Die Gläser rücken langsam an die Kante des Regals. Schelmisch lacht mich die Obererdbeere an und schubst ein Glas nach dem anderen hinunter. Diese grinsen mir schadenfroh zu, sie scheinen gerne für ihre Anführerin in den Tod zu stürzen. Krach, klirr, fallen sie zu Boden und zerspringen. Der klebrige, rote Brei verteilt sich, gemischt mit den Scherben, vor meinen Füßen. Ich bin starr vor Schreck und die Pflaume, die ich immer noch in der Hand halte, krallt sich an meinen Fingern fest. Ich spüre, wie sie zittert. Eine Verkäuferin kommt angerannt und bleibt kopfschüttelnd vor mir stehen. Böse funkelt sie mich an. „Was ist hier passiert?“ Was soll ich ihr bloß sagen? Ich kann ihr unmöglich sagen, was ich gesehen habe. „Es tut mir leid, ich weiß nicht, wie das passiert ist.“ Sage ich, was ja zum Teil der Wahrheit entspricht. „Wollen sie jetzt ein Glas Erdbeermarmelade haben?“ Sie schnauft. „Dann nehmen Sie sich eins oder drei und gehen Sie, ich muss das jetzt alles sauber machen.“ Ich hebe meine Hand und zeige ihr mein Glas Pflaumenmus. „Nein, danke, ich habe meine Wahl schon getroffen.“ Sie schaut uninteressiert das Glas in meiner Hand an und lässt mich stehen. Lächelnd schaue ich meine Pflaume an. „Wir gehen jetzt zur Kasse.“ Sage ich leise und ich spüre ihr Nicken. Mit stolz geschwellter Brust nehme ich meinen Weg auf, vorbei an der Aprikosenmarmelade und an dem Johannisbeergelee. Ich habe es geschafft, ich fühle mich befreit. Meine Marmeladensucht habe ich durch Pflaumenmus in den Griff bekommen.        
 

 

Was wollen wir denn damit.

Erschöpft schleppe ich mich durch meine Wohnung, das Ziel ist die Küche. Mein Bein macht mir an manchen Tagen solche Probleme, dass ich kaum einen Fuß vor den anderen bekomme. Vor sechs Wochen wurde ich nach einem Unfall operiert und seitdem hat sich einiges für mich verändert. Meine Unabhängigkeit und mein Tatendrang sind seitdem stark eingeschränkt. Ja, ich bin fast achtzig, aber das hat mich noch nie zurückgehalten. Das Alter ist nur eine Zahl. Ich komme schnaufend in der Küche an und setze mit einem Knopfdruck meinen Kaffee-Vollautomaten in Betrieb. Diese für mich dekadente Maschine musste ich unbedingt haben, nachdem mir so eine in meinem letzten Urlaub aufgefallen war. Mein Kurt hätte geschimpft: „Was sollen wir denn damit schon wieder?“ Hätte er laut gesagt und seine Hände vor sein Gesicht gehalten. Das tat er immer. Als ich ihn kennengelernt habe, fand ich diese Eigenschaft noch als eine liebevolle Angewohnheit. Aber wie so oft wird man solche Eigenarten eines Tages leid. Ich liebte ihn und tue es noch immer. Er starb vor drei Jahren, plötzlich und unerwartet. Ich brauchte einige Zeit. Nach fast sechzig gemeinsamen Jahren hatte ich das Gefühl, dass auch ein Stück von mir gestorben ist. Ich habe seinen Tod bis heute nicht überwunden. Jeden Tag denke ich an ihn. Vor einem Jahr bin ich umgezogen. Unsere gemeinsame Wohnung erinnerte mich zu sehr an ihn und war für mich alleine viel zu groß. Jetzt wohne ich in einer kleinen, sehr gemütlichen Wohnung in einem anderen Stadtteil. Kurt hätte sie auch gefallen, obwohl er gesagt hätte: „Von hier ist es viel zu weit zum Einkaufen.“ Wobei er recht gehabt hätte. Bevor ich auf der Kellertreppe gestürzt bin, hatte mir der Weg bis zum nächsten Supermarkt nichts ausgemacht. Doch jetzt, mit der neuen Gehhilfe, komme ich nicht weit. Ich setzte mich mit meinem frischen Kaffee an den Tisch und schob mir den Hocker zurecht, damit ich mein Bein darauflegen kann. Sofort reibe ich mir die lange Narbe um mein Knie. Die wenigen Schritte vom Schlafzimmer bis in die Küche gehen zwar ohne Gehilfen, sind aber sehr beschwerlich. Ich schaue auf die Milchpackung, die auf dem Tisch steht, und muss grinsen. Seitdem diese Packung hier eingezogen ist, trinke ich meinen Kaffee lieber schwarz. Mein lieber Nachbar Chan wollte mir helfen und brachte mir verschiedene Lebensmittel, bevor er für vier Wochen in seine Heimat fuhr. Jetzt habe ich eine Packung Hafermilch zu Hause, die widerlich in meinem Kaffee schmeckt. Auch die Kichererbsen in der Dose und der Tofu gehören nicht unbedingt zu meinem Speiseplan. Ich muss mir ernsthaft Gedanken machen. Meine letzten Reserven sind aufgebraucht. Aus der neuen Nachbarschaft kenne ich keinen, den ich fragen könnte. Auch aus meinem alten Bekanntenkreis kann ich keinen um Hilfe bitten. Sie sind alle nicht mobil und müssten die Einkäufe mit dem Bus zu mir bringen. Wenn ich da an Else denke, die ohne OP noch schlechter laufen kann als ich, schüttele ich den Kopf. Ich muss mobil werden. „Kuni, was machen wir jetzt, und vor allem, wie?“ Hätte mein Kurt mich gefragt. Er hat mich in achtundfünfzig Jahren Ehe nur einmal bei meinem vollen Namen Kunigunde angeredet, und da war er sehr, sehr sauer. Es war der Moment, als die Firma Elektro Wagner ihre erste Spülmaschine auslieferte, und das ausgerechnet zu uns. Mitte der Siebzigerjahre war es eine echte Rarität in einem Privathaushalt. Vielleicht nicht in der Stadt, aber bei uns auf dem Land. Ich hörte von diesem technischen Wunderwerk und musste eine haben. Kurt schnaufte und murmelte vor sich hin, konnte sich aber vor den Elektrikern keine Blöße geben. Er riss sich zusammen, so sehr, dass er eine Woche nicht mit mir redete und das Essen in der Küche, mit diesem Ding, wie er sagte, verweigerte. Nach einer Woche fing er wieder an zu reden, allerdings nicht mit mir. Er redete mit den Nachbarn, denen er stolz seine neueste Errungenschaft zeigte. Ich stellte mich schmunzelnd dazu und sagte, wie froh ich über die Großzügigkeit meines Mannes wäre. Ab da war es wieder gut zwischen uns und er schloss Freundschaft mit Frieda, so nannten wir die neue Spülmaschine. Diese Gedanken wärmen mein Herz, es fühlt sich an, als ob mein Kurt noch hier ist. Ich spüre ihn in meiner Nähe und höre ihn sagen: „Kuni, was machen wir jetzt und vor allem, wie?“ Das bringt mich wieder zu meinem Gedanken zurück: Wie komme ich an Lebensmittel? Ich muss mal schauen, ob ich sie bestellen kann. Heutzutage kann man doch alles bestellen. Ich trinke meinen Kaffee aus und gehe langsam ins Wohnzimmer, setze mich an den Esstisch, wo Kurts Laptop steht. Ich habe ihn mitgenommen, obwohl ich ihn nicht bedienen kann. Chan hatte mal dran gesessen, als seiner defekt war, und er sagte, er funktioniere einwandfrei. Ich klappte ihn auf und drückte den Startknopf. Jetzt bin ich froh, Kurt immer wieder über die Schulter geschaut zu haben. Es dauert einen Moment, bis ich ein Bild von Kurt und mir sehe. Er war in meinen Augen sehr talentiert, was das technische Zeug anging. Mir wird es immer ein Rätsel bleiben, wie er das Bild von uns beiden auf den Laptop gezaubert hat. Aber egal, ich nehme mir vor, nicht aufzugeben, bis ich Lebensmittel bestellt habe. Ich finde die Zeile, in der man die Sachen eingibt, die man suchen möchte. Ich tippe vorsichtig eine Bestellung ein. Der Bildschirm verändert sich und zeigt mir Firmen an, keine davon kenne ich. Vielleicht muss ich es anders angehen. Wo war noch einmal das kleine Kreuz? Ach, hier, schließen. Ich sehe wieder meine Zeile und schreibe „Kaufladen bestellen rein. Da sehe ich auch schon Onlinebestellung. Ich klicke mich weiter und bin stolz auf mich. Es fängt an, mir Spaß zu machen. Als Erstes suche ich Milch. Was hat Kurt immer gesagt: „Überall gibt es eine Lupe, wo du deinen Suchbegriff eingeben kannst“, und es funktioniert tatsächlich auch mit Milch. Ich klicke die Milch an, sehe den Preis und einen gelben Balken, in dem ein Einkaufskorb abgebildet ist. „Das ist doch einfach“, murmele ich vor mich hin und klicke auf den Button. Da kommt diese Stimme: „Was sollen wir denn damit schon wieder?“ Ich schrecke zurück. Habe ich das wirklich gehört oder habe ich mir das eingebildet? Ich klicke noch mal auf den kleinen Einkaufskorb und wieder, nur lauter, „Was sollen wir damit schon wieder?!“ Das war mein Kurt. Mein Herz rast, meine Hände fangen an zu zittern. „Kurt?“, frage ich leise. Ich bekomme keine Antwort. Wie auch, ich rede hier mit einem Computer. Ich habe mir das bestimmt nur eingebildet. Sicherheitshalber suche ich mir eine andere Milch aus. Klicke auf den gelben Balken und lausche. Ein leises Stöhnen ist zu hören und dann, „Herrschaftszeiten, dann nimm sie halt.“ „Kurt“, rufe ich laut, das ist eindeutig mein Kurt. Ein warmes Gefühl breitet sich in meiner Brust aus und eine Gelassenheit, die man wahrscheinlich nur in meinem Alter haben kann. Sollen mich doch alle für verrückt halten, Kurt steckt in diesem Ding und redet mit mir. Ich finde diesen Gedanken so schön. Wie witzig, wie soll mein dicker Kurt denn nur hier hineinpassen? Ich muss kichern und suche das Brot. Mal sehen, was Kurt dazu zu sagen hat. Ich klicke es an und es kommt wieder, „Was sollen wir denn damit schon wieder?“ „Essen, mein Lieber, was sonst.“ Sage ich ihm, wie schon so oft in achtundfünfzig Ehejahren. Ich klicke es noch einmal an und höre wieder, „Herrschaftszeiten, dann nimm es halt!“ Ich muss lächeln. Diese Worte geben mir so viel Wärme. Jahrelang habe ich sie verflucht, aber jetzt geben sie mir die Geborgenheit, die ich nach seinem Tod so vermisst habe. Dieses Spiel machen wir, bis ich alle Lebensmittel, die ich benötige, in meinem Warenkorb habe. Es war wie ein Einkauf mit Kurt. Als ob er bei mir gewesen wäre. Ich klicke auf die Kasse und höre ihn wieder, „Kuni, was machen wir jetzt und vor allem, wie?“ Ich würde am liebsten den Laptop umarmen. Ein Tränenschleier bildet sich in meinen Augen und ich sage, was ich immer gesagt habe. „Ach, Schatz, das bekommen wir schon hin.“

Aus zwei mach eins

»Verdammt, was war das!« Ich schrecke hoch. Mein Herz hämmert gegen meinen Brustkorb. In meinem dunklen Wohnzimmer versuche ich auszumachen, wo der Knall herkam, der mich aus meinem Traum gerissen hat. Da, wieder. Ich schalte die Stehlampe an und sehe, dass die Balkontür zuschlägt. Ein heftiges Unwetter wütet draußen. Ich springe auf und schließe die Tür. Meine Socken saugen sich mit dem Regen voll, den der Sturm auf meinem Parkett verteilt hat. »Verdammt«, fluche ich. Auf dem Weg in die Küche, um einen Putzlappen zu holen, schaue ich auf die Uhr, nicht mal Mitternacht. Ich suche in jedem Schrank. Wo zum Teufel hat meine Ex diese Dinger versteckt? Unter der Spüle werde ich endlich fündig. Ich gehe zurück zur Wasserlache und werfe den Putzlappen darauf. Mit meinem Fuß wische ich das Wasser zusammen, meine Socken sind ohnehin schon nass. Um mich nicht weiter mit dem Lappen zu beschäftigen, öffne ich die Balkontür und kicke ihn raus. Ich schließe die Tür und setze mich auf mein Sofa, wo ich bis eben noch selig schlief. Jetzt werde ich einige Zeit benötigen, um wieder einzuschlafen, denke ich, und ziehe die nassen Socken aus. Ich lasse sie auf dem Boden liegen. Wenn das Unwetter weiter so tobt und der Regen gegen meine Rollläden im Schlafzimmer schlägt, brauche ich erst gar nicht ins Bett zu gehen. Ich kann die Rollos auch nicht oben lassen, weil dann die Straßenlaterne in mein Schlafzimmer scheint. Bis vor vier Wochen hatte ich eine Schlafmaske, die aber mit meiner Ex verschwand. Ich greife nach dem Päckchen Magentabletten auf meinem Wohnzimmertisch. Das Sodbrennen möchte einfach nicht aufhören. Morgen werde ich noch einmal bei meinem Hausarzt anrufen und fragen, was er mir da für einen Mist verschrieben hat. Mit etwas Wasser schlucke ich zwei Tabletten hinunter und bemerke einen Zettel auf der anderen Seite meines Tisches. Der lag doch eben noch nicht da, denke ich, und greife danach. Es sieht nach einer Einkaufsliste oder nach einem Rezept aus. In einer schönen Handschrift ist darauf geschrieben. 
 Eine Handvoll Knochen, Wasser aus der Quelle, eine Handvoll Brennnessel, ein Bund Giersch, 3 Stängel Schafgarbe, 3 schwarze Möhren, weiße Zwiebeln, 1 Blatt Lorbeer, 4 Blatt Löwenzahn, 3 Scheiben Ingwer, Selleriewurzel, Chilischote, Lauch (nur das Weiße), Kürbiskerne, Lavendel. Das Ganze muss einen Tag kochen und dazu den Spruch: „Aus zwei …“, dann endet es. Ich wende den Zettel, auch auf der Rückseite steht nichts weiter. Was soll ich damit anfangen? Ich zerknülle den Zettel und werfe ihn in mein Wohnzimmer. Der Schein meiner Stehlampe ist nicht hell genug, um zu sehen, wo der Papierball gelandet ist. Ich mache die Lampe wieder aus und drehe mich auf die Seite, um vielleicht noch etwas Schlaf zu bekommen. Das Sturmklingeln an meiner Haustür holt mich unfreiwillig aus meinem Schlaf, schon wieder. Die Sonne scheint hell durch das Fenster. Der Tag hat längst begonnen. Ich reibe meine Augen und warte noch einen Moment, in der Hoffnung, dass das Klingeln aufhört. Doch wer auch immer vor meiner Tür steht, denkt nicht daran, aufzugeben. »Ja, verdammt, ich komme ja.« Ich habe keine Lust, meine Laune aus meiner Stimme herauszuhalten. Ich schlurfe zur Haustür. Durch den Spion sehe ich meine neue Nachbarin und lege meine Stirn kurz an das kühle Holz. Die hat mir gerade noch gefehlt, denke ich und atme tief durch, bevor ich ihr öffne. »Darf ich mal auf Ihren Balkon?« Fragt sie mich aufgebracht. »Was wollen Sie auf meinem Balkon?« Ich versperre ihr den Weg zu meiner Wohnung. Nervös tippelt sie von einem Fuß auf den anderen. »Salem sitzt auf Ihrem Balkon«. »Wer?«, frage ich. »Mein Kater sitzt auf Ihrem Balkon, ich möchte ihn holen.« Ich verdrehe die Augen. »Kommt das dumme Ding da nicht allein runter?«, frage ich und kann meinen Spott nicht verbergen. Die Augen meiner Nachbarin verengen sich zu kleinen Schlitzen. »Er ist noch klein, und nein, er kommt da nicht von allein runter.« Mit diesen Worten drückt sie sich an mir vorbei und eilt in mein Wohnzimmer. Sie öffnet die Balkontür und ein kleines, schmutziges, nasses Fellbündel schießt miauend herein. »Hallo? Halten Sie bitte Ihre Katze fest!« Schnell schließe ich die Wohnzimmertür, damit dieser wild gewordene Fellklumpen nicht meine ganze Wohnung verwüstet. »Salem, bitte, komm da raus.« Von meiner Nachbarin sehe ich nur noch ihren wohlgeformten Po und ihre schlanken Beine, die unter dem Sofa hervorschauen. Ich kann nicht sagen, dass mir dieser Anblick nicht gefällt. Die Frauen, die ich bis jetzt kannte, lagen immer auf meinem Sofa, nicht darunter. Ich überlege, wie sie sich vorgestellt hat. Wie ich sie anreden soll. Mir möchte ihr Name nicht einfallen. Da sie mir vor zwei Wochen ihren Nachnamen nicht gesagt hat, duze ich sie ab jetzt. »Entschuldigung?« Ich weiß nicht, wo ich sie antippen kann, ohne diese Situation auszunutzen. Auf ihren Po? Auf die Rückseite ihrer Oberschenkel? Wohl eher nicht. Ich stecke meine Hände in die Hosentaschen. »Würdest du unter meinem Sofa vorkommen?« Sie robbt in gleichmäßigen Bewegungen hervor und immer mehr ihres Körpers kommt zum Vorschein. Sie steht auf und klopft sich auf ihre Brust und die knappen Shorts. »Erstaunlich sauber bei dir.« Stellt sie fest und lächelt mich an. »Meine Ex«, sage ich nur. »Deine Ex kommt zum Putzen vorbei?« Sie legt ihren Kopf schief und runzelt die Stirn. »Nein«, lache ich laut los, »es ist nicht lange her, wo sie ausgezogen ist«, erkläre ich. Sie legt ihren Kopf auf die andere Seite. »Mach das noch einmal.« Ich stutze. »Was soll ich noch einmal machen?« Frage ich sie. »Lachen«, sagt sie und versucht, ruhig zu bleiben. Ich erkenne ein leichtes Zucken um ihre Mundwinkel. »Warum?« Frage ich schmunzelnd. »Das steht dir besser als deine grantige Art, die du sonst immer an den Tag legst.« Mir fehlen die Worte und ich glaube, dass mir sogar der Mund offensteht. Ihre offene Art verblüfft mich. In diesem Moment kommt der kleine Kater wie ein Blitz unter dem Sofa herausgeschossen. Wir schauen ihm nach, wie er auf den zerknüllten Zettel, den ich gestern Abend durch mein Wohnzimmer geworfen habe, stürzt und ihn durch das Zimmer kickt. »Salem, jetzt komm her.« Sie greift nach dem Kater, der sich in ihren Armen wehrt und lieber wieder jagen möchte. »Jetzt hast du ihn ja endlich wieder.« Sage ich zu ihr. »Ja, deshalb bin ich einfach herübergekommen.« Verlegen schaut sie auf das Fellknäuel auf ihrem Arm, der mit ihrer Halskette spielt. »Ich sollte dann …«. Ich falle ihr ins Wort. »Vielleicht kannst du mir helfen, ich habe da was.« Ich bücke mich nach dem Papierball und versuche, ihn zu glätten. »Das scheint ein Rezept zu sein, aber ich denke, da fehlt was.« Meine Nachbarin beugt sich nach vorn, um den Zettel zu lesen. Ihr Kopf schnellt zurück, mit weit aufgerissenen Augen schaut sie mich an. »Wo hast du das her?« Fragt sie und schaut noch einmal drauf. »Er lag gestern Abend auf meinem Couchtisch, ich weiß nicht, wie er dort hinkam.« Sie reißt mir den Zettel aus der Hand. »Das gibt es doch nicht.« Murmelt sie und starrt weiter auf den Zettel. »Kennst du das Rezept?« Sie nickt und schüttelt dann ihren Kopf. »Was jetzt, ja oder nein?« Frage ich noch einmal nach. »Ja, ich kenne es, es ist eine Suppe«, sagt sie abwesend. »Wo genau hast du ihn gefunden?« Ich zeige auf die Stelle, wo das Rezept gestern Abend lag. »Wie kommt es dahin?« Sie starrt die Stelle an. Ich bin mir nicht sicher, ob die Frage an mich gerichtet ist. »Wahrscheinlich ist er durch den Sturm gestern hineingeweht.« Schlussfolgere ich, weil er bestimmt nicht hierher gezaubert wurde. »Ganz bestimmt.« Sie schaut mich wieder an. »Du kannst die Suppe gerne probieren.« Sie grinst. Ich fühle mich etwas überrumpelt. »Ja, gerne«, sage ich spontan. »Jetzt?« Frage ich noch einmal nach. »Warum nicht, ich kann die Suppe bei mir holen, sie benötigt noch etwa eine Stunde.« Ich zucke mit den Schultern, »Warum nicht?« Sie setzt ihren Kater auf den Boden. »Bin gleich wieder da.« Ruft sie und ist schon aus der Haustür verschwunden. »Warum hat sie dich denn hiergelassen?« Frage ich den verdutzten Kater und streichle ihn über den Kopf. Er schmiegt sich gegen meine Hand und fängt sofort an zu schnurren. Eigentlich ist er sehr niedlich. Ich nehme ihn auf den Arm und setze mich auf mein Sofa. Sofort rollt er sich auf meinem Schoß zusammen und schlummert schnurrend ein. Ich höre die Tür und dann das Klappern von Töpfen. Eins muss man meiner Nachbarin lassen, sie ist nicht schüchtern. »Ich würde dir gerne helfen«, rufe ich so laut, dass sie mich verstehen kann, aber das kleine Fellknäuel auf meinem Schoß nicht erschrickt. »Schon okay, ich komme klar.« Gelegentlich höre ich sie etwas murmeln, kann es aber nicht verstehen. Nach einer Weile sitzen wir zusammen und genießen die verdammt leckere Suppe. Salem spielt wieder mit dem zerknüllten Rezept. »Jetzt erzähl aber mal, woher du das Rezept kennst!« Sie räuspert sich und legt ihren Löffel beiseite. Es ist ein Rezept meiner Tante Walpurga. »Ist sie Köchin?«, frage ich interessiert. »Nein.« Sie lächelt. »Sie ist eine Hexe.« Ich schlucke den Löffel Suppe, den ich mir gerade in den Mund geschoben habe, hinunter und schaue auf den Teller vor mir. »Was war das für eine Suppe?«, frage ich erschrocken nach. Mir wird mulmig, als ihr Grinsen breiter wird. »Das war Amors Liebessuppe.« Ich schaue sie an, unfähig, etwas zu sagen. »Eigentlich wollte ich was gegen Ärger und Wut haben, für dich.« Sie hebt ihre Arme. »Aber wenn sie dir das Suppenrezept schickt, wird sie sich bestimmt etwas dabei gedacht haben.« »Gegen Ärger und Wut?« Ich versuche, die Informationen zu ordnen. »Ja, du bist immer so grantig, da dachte ich …« Ich falle ihr ins Wort. »Bist du auch eine Hexe?« Sie wiegt ihren Kopf hin und her, »ich bin  nicht so gut wie Tante Walpurga, aber ich übe fleißig.« Ich stehe auf und gehe um den Tisch. »Und da dachtest du, du übst mal an deinem grantigen Nachbarn.« Sie steht langsam auf und ich sehe an ihrem Kehlkopf, dass sie schlucken muss. »Und was hast du da vorhin gemurmelt?« Sie nimmt meine Hand. »Willst du es wirklich wissen?« Fragt sie leise und fesselt mich mit ihrem Blick. Ich nicke. Sie beginnt die Worte leise, ohne den Blick von mir abzuwenden. 

»Aus zwei mach eins, sonst lieber keins. Aus gestern leer, mach heute voll! Aus hier und da, mach gut und wahr. Aus hin und her, mach immer mehr, aus niederm Triebe mach wahre Liebe!«                                                                                                                                    

Sie steht jetzt so dicht vor mir, dass ich ihren warmen Atem auf meinem Gesicht spüre. Ich hebe meine Hand und streichele über ihre Wange. »Ich glaube, ich sollte dich sofort küssen, wer weiß, was deiner Tante sonst noch einfällt.« Ich lege meine Lippen auf ihre und spüre ihren warmen Körper an meinem. An unseren Beinen schleicht leise miauend Salem umher. Ich löse mich von ihr, da kommt mir ein Gedanke. »Denkst du, deine Tante hat auch deinen Kater auf den Balkon gehext?« Sie reißt die Augen auf und muss dann kichern. »Zuzutrauen wäre es ihr.«

Nicht von dieser Welt

Die Farbe ihres Blutes war das Letzte, was mir Sorgen bereitete. Viel mehr war es ihr Gesamtzustand. Auch konnte ich mir jetzt keine Gedanken machen, womit ich es überhaupt zu tun hatte. Es ging darum, die Blutung zu stoppen und ihr damit das Leben zu retten. Sie lag vor mir und ich war mir sicher, es mit keinem menschlichen Wesen zu tun zu haben, obwohl es ein menschlicher Körper war. Ihre Augen glichen der einer Katze. Ihre Haut sah aus wie Pergament. Dort, wo ich sie berührte, wurde sie durchsichtig und ich konnte ihr Blut pulsieren sehen, ihre Muskelkontraktionen beobachten. Etwa zehn Zentimeter um meine Fingerkuppe, die ihren Oberarm berührte, sah ich, was in ihrem Inneren passierte. Ich strich vorsichtig ihren Arm entlang, runter zu ihrem Handgelenk, und der leuchtende Fleck zog mit meinem Finger mit. Fasziniert schaute ich ihm nach. Ihr plötzliches Stöhnen brachte mich ins Hier und Jetzt zurück. Ich musste dieses wunderschöne Wesen retten und ihre Blutung stoppen. Wenn sie mir hier verblutet, hätte ich eine einmalige Chance verspielt. Ich war Arzt und wollte wissen, wer oder was sie war. Ich zog meinen Pulli aus und drückte ihn auf ihre Wunde. Sie schloss langsam die Augen und es schien, als ob all ihre Kraft aus ihrem Körper wich. »Nein, nein, nein.« Ich schrie fast. »Bitte tu mir das nicht an.« Meine Stimme wurde wieder leiser. Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn. Ich nahm den Bund meines T-Shirts, um mir über das Gesicht zu wischen. Mein Puls beschleunigte sich. Hektisch sah ich mich um. Ich musste sie hier wegbringen. Aber wie sollte ich das anstellen? Ich kann sie schlecht auf dem Fahrrad transportieren und meine Waldhütte war mindestens einen Kilometer entfernt. In einer halben Stunde ging die Sonne unter, und der zunehmende Mond war noch zu schwach, um der Nacht ein Licht zu schenken. Ich kann sie auch nicht liegen lassen, um mein Auto zu holen. Ich glaubte nicht an andere Menschen, die sie finden würden, dafür waren wir zu abgelegen. Dachte an andere Tiere. Nein, ich kann sie hier nicht alleinlassen. Ich verringerte kurz den Druck auf die Wunde, um zu schauen, wie stark sie noch blutete. Erleichtert stellte ich fest, dass die Blutung fast aufgehört hat. Ich setzte mich in das feuchte Gras und bettete ihren Kopf auf mein Bein. Langsam strich ich über ihren Kopf. Dieser Einblick in ihren Körper faszinierte mich so sehr, dass ich vorsichtig meinen Finger wandern ließ. Ihre Augen waren immer noch geschlossen. Mein Blick fiel auf ihre Brust. Zu gerne würde ich dort schauen, ob sie ein Herz, wie wir Menschen hat. Ich vermutete es stark, sie war uns doch so ähnlich. Ich zuckte zusammen, als sie die Augen öffnete. Wir schauten uns an, unsere Blicke verhakten sich ineinander. Ihre Augenfarbe hatte sich verändert, es war nicht mehr dieses Gelbbraun, das an Apfelmus erinnerte; sie wurden zu einem strahlenden Grün. Aus einem unbekannten Grund sahen sie menschlicher aus. Ich konnte aber den Unterschied nicht ausmachen. Doch, es war der Augapfel, der jetzt auch weiß wurde und die Iris in Grün strahlen ließ. Jetzt, wo sie mich anschaute, traute ich mich nicht, weiter ihren Körper zu erkunden, und hielt inne. Sie nahm ihre Hand und deutete auf ihr Schlüsselbein, ihr Blick war auffordernd: Ich sollte sie dort berühren. Mit meiner Hand an dieser Stelle durchzog mich eine Wärme, die ich noch nie zuvor gespürt hatte. Kleine Impulse krochen durch meinen Arm und fluteten meinen Körper. Ich schloss meine Augen und genoss das unbekannte Gefühl. Die Wärme zog bis in meine Seele, und ein Gefühl, das ich seit Langem verloren geglaubt hatte, breitete sich aus. Liebe. Es war, als ob sie mich innerlich verbrennen würde. Ich riss die Augen auf und zog meine Hand zurück. Was zum Teufel passierte hier? Oder sollte ich sagen, was um Himmels willen hier los ist? Ich konnte nicht mehr klar denken, mein Körper verlor alle Kraft, die er noch hatte. Ich sank in das feuchte Gras. Das innerliche Feuer ließ mich nicht frieren. Die erste Panik ebbte langsam ab und es blieb ein Gefühl des Glücks zurück. Ich spürte eine Hand auf meiner Wange, zart und warm legte sie sich auf meine Haut. Ich konnte meine Augen nicht öffnen, ich hatte Angst, dass alles vorbei sein würde, dass dieses Gefühl wieder verschwinden würde, sobald ich sie öffnen würde. Wollte es festhalten, nie wieder loslassen. »Das kannst du, du schaffst das.« Ich wusste nicht, ob ich die Stimme wirklich hörte, oder sie nur in meinen Gedanken existierte. Aber ich vertraute ihr. »Ich kam zu dir, um sie dir zu zeigen, die Liebe zu dir selbst, mit der alles anfängt und aufhört.« Die Worte drangen wie süßer Honig in meine Seele und legten sich schützend auf meine Wunden. Von denen ich einige hatte. Konnte das wirklich passiert sein? Bin ich zwischen die Welten geraten, um dort gerettet zu werden? Ich wollte diesen Gedanken jetzt nicht weiterführen, ich wollte es genießen, solange es anhält. Ich spürte die Wärme von ihr, nicht nur da, wo sie mich berührte, sondern auch tief in mir drin. Immer wieder spürte ich ihre Berührungen auf meiner Wange, ihre feuchten Finger strichen über mein Gesicht. Aber warum waren ihre Finger feucht? Weinte sie etwa? Ich öffnete die Augen und sah ihre Augen vor mir. Ich schaute sie an und hatte das Gefühl, in meine eigene Seele zu blicken. Wieder fing sie mit ihrem Daumen eine meiner Tränen auf, und da verstand ich, dass ich weinte. »Ich glaube, du bist so weit, du schaffst es ab hier allein.« Sie erhob sich langsam, ihre zarte Gestalt schien immer heller zu leuchten. Ich lag noch im feuchten Gras und beobachtete sie. »Wie heißt du überhaupt?« Ich war zu schwach, um es laut auszusprechen; ich hoffte, sie würde meine Gedanken lesen können. »Nenn mich, wie du willst.« Sagte sie leise lächelnd, entfernte sich immer weiter von mir und verglühte am Abendhimmel. Plötzlich wurde es kalt, sie hatte die Wärme mitgenommen. Um mich vernahm ich leise Stimmen, die immer lauter wurden. »Wir haben ihn wieder«, sagte eine Frauenstimme, und »Hallo, hören Sie mich?«, eine männliche. Ich spürte raue, große Hände an meinem Gesicht. »Können sie die Augen öffnen? Herr Weber?« Ich zwang mich, meine Lider zu bewegen, und es funktionierte. Vor mir sah ich einen jungen Mann mit blonden Haaren, der mich anlächelte. »Mein Name ist Markus Schneider, der Notarzt. Sie hatten einen Unfall. Wir haben Sie reanimiert und bringen Sie jetzt ins Krankenhaus.« Ich stöhnte auf, als ich versuchte, mich umzuschauen. »Bitte bleiben Sie liegen. Sie haben eine große Wunde am Bauch und auch ihr Kopf hat einiges abbekommen.« »Haben …, haben Sie diese Frau gesehen?« Stotterte ich leise und war mir nicht sicher, ob man mich verstehen konnte. Der Notarzt ging nicht auf meine Frage ein. »Sie sind mit dem Fahrrad gestürzt, ich muss Ihnen noch Blut abnehmen, um Ihren Alkoholspiegel zu messen.« Ich nickte, es würden einige Promille zusammenkommen, ich erinnerte mich wieder. »Die junge Joggerin hat sie Gott sei Dank gefunden«, er deutete auf eine Frau, die am Krankenwagen stand und mit einer anderen Frau redete. Sie sah kurz zu mir und ich konnte trotz der Entfernung ihre grünen Augen erkennen. Wieder war es kurz da, diese Wärme und das Glücksgefühl. War sie gekommen, um mich zu retten? Nicht nur hier? Ich hörte die Stimme, die in Gedanken zu mir sprach: »Ich konnte dich hier retten, aber dein Leben, das musst du selbst retten. Denke an die Liebe, die in dir steckt, und an das Glück, das du gespürt hast.« Ich schloss die Augen und meine Lippen formten ein leises »Danke«, das ich in die Welt schickte, und ich wusste, dass es an der richtigen Stelle ankommen würde. Ich spürte die Zuversicht in mir, mein Leben in den Griff zu bekommen.

Der Autor

„Darf ich mich zu ihnen setzen?“ Eine dunkle Stimme holt mich aus meinen Gedanken. Erschrocken klappe ich das Buch zu, das ich gerade gelesen habe und schaue in warme braune Augen. Unfähig, etwas zu sagen, weil ich gedanklich noch in den letzten Zeilen des Buches stecke, nicke ich nur freundlich und rücke auf der Parkbank etwas nach rechts.

„Was lesen sie denn?“, fragt der Fremde freundlich, nachdem er sich zu mir gesetzt hat und auf das Buchcover schielt. 

Ich schüttle kurz den Kopf, um ins Hier und Jetzt zurückzukommen. 
„Ach, sie wollen es mir nicht verraten“, schlussfolgert er. Wieder schüttle ich den Kopf und muss lächeln. „Nein, so ist es nicht“, sage ich leise und streiche über das Buch, das auf meinem Schoß liegt. „Es ist nur so, es fesselt mich. Dieses Buch …“, beginne ich den Satz, spreche aber nicht weiter, weil ich nicht weiß, ob ich meine Gedanken mit einem wildfremden Mann teilen möchte. 

„Ich habe schon gemerkt, dass sie sehr vertieft sind.“ 

Ich spüre Hitze in mir aufsteigen, meine Wangen glühen. Es ist mir sehr unangenehm, dass er mich beobachtet hat. 

„Sie haben das Kind nicht bemerkt, dass dort hinten gestürzt ist.“ Er zeigt auf eine Gruppe Menschen, die sich um einen kleinen Jungen kümmern, der herzzerreißend weint. Das habe ich tatsächlich nicht mitbekommen, denke ich.

„Oder der Mann, dessen Hund weggelaufen ist.“ Er zeigt auf einen älteren Herrn, der wild gestikulierend mit der Hundeleine nach seinem Vierbeiner ruft. 

Auch das habe ich nicht mitbekommen. 

„Daraus schließe ich, sie lesen ein ausgezeichnetes Buch?“, sagt er und schaut mich herausfordernd an. 

„Ich finde mich so wieder in diesem Buch“, gestehe ich und schaue ihm in die Augen. Es ist eigentlich nicht meine Art, fremde Menschen so schnell in mein Leben zu lassen, aber bei diesem Mann, der ungefähr mein Alter haben könnte, fühlt es sich auf unbekannte Weise richtig an. 

„Was meinen sie?“ Interessiert wendet er sich mir zu und legt seinen rechten Arm auf die Rückenlehne der Bank. Als ich kurz seine Hand aus dem Augenwinkel betrachte, zieht er sie wieder ein Stück zurück, um mich nicht aus Versehen zu berühren.

„Ich heiße fast wie sie“, kichere ich, „sie heißt Lisa und ich Luisa.“ 

Er nickt, „das verbindet natürlich.“ Es hört sich nicht so an, als ob er sich lustig darüber macht. Er scheint es ernst zu meinen. Das ermutigt mich, weiterzureden.

„Sie hat so viel Mut, ich wünschte, ich hätte nur ein wenig davon“, sage ich stockend. „Sie haben bestimmt eine Menge Mut“, sagt er, lehnt sich entspannt an die Lehne der Bank und streckt die Beine weit von sich. 

„Ich habe keinen Mut“, sage ich leise, „den hatte ich noch nie.“ 
Ich umklammere das Buch auf meinen Schoß. 

„Ich glaube, sie haben sehr viel Mut!“, erwidert er und lächelt mich an.

„Wie kommen sie darauf?“, frage ich. 

„Vielleicht ist die Zeit bislang nicht gekommen.“

„Was meinen sie?“

„Der richtige Zeitpunkt. Man muss zur richtigen Zeit mutig sein!“, sagt er und schaut mir tief in die Augen.

„Man muss zur richtigen Zeit mutig sein“, wiederhole ich die Worte leise, „das ist genau der Satz, den ich vorhin gelesen habe, bevor sie mich angesprochen haben“, sage ich zu ihm und sehe, wie seine Mundwinkel leicht zucken. 

„Kennen sie das Buch?“, frage ich ihn und sehe ein kurzes Aufblitzen in seinen Augen. „Ich habe schon davon gehört“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. „Oh Entschuldigung“, platzt es mir raus, „es ist doch eher ein Buch für Frauen, mit viel Gefühl und Herzschmerz, wenn es ihnen peinlich ist, dass sie es gelesen haben, dann habe ich die Frage nie gestellt.“ Mit einer Geste versiegele ich meine Lippen. 

Jetzt lacht er laut auf. „Peinlich ist mir so etwas nicht, ich stehe dazu, dass ich auf Gefühle und Herzschmerz bei Büchern stehe.“ 

Es fühlt sich so gut an, mit ihm auf dieser Bank zu sitzen und diese Unterhaltung zu führen.

„Herzschmerz also“, sage ich grinsend. 

„Solange ein Happy End folgt, bin ich dabei.“ Nickend stimme ich ihm zu.

„Ich heiße Kilian“, sagt er, wieder mit dieser dunklen Stimme, die sich wie Honig um mein Herz legt. „Ich bin Luisa“, sage ich und bin froh, dass meine Stimme nicht versagt.

„Wollen sie mir verraten, wofür sie sich mehr Mut wünschen?“ 

„Ich weiß nicht genau“, sage ich und schaue auf meine Schuhe, die mit dem Staub, der trockenen Erde überzogen sind. Ich bewege meine Füße und wirbele dadurch noch etwas mehr Staub auf.

„Wissen sie nicht, wofür sie mehr Mut brauchen, oder wollen sie es mir nicht erzählen?“ Ich zucke mit den Schultern und muss kurz überlegen. 
„Ich glaube beides“, sage ich so leise, dass es mich wundert, dass er mich verstanden hat. 

„Aber sie können es mir ruhig erzählen“, in seiner Stimme schwingt so viel Vertrauen mit, dass ich mir vorstellen kann, mich ihm anzuvertrauen. 

„Ich erzähle ihnen dann auch, wo ich so richtig viel Mut gebraucht habe.“ Wieder blitzen seine Augen auf. Ich bin neugierig auf seine Geschichte und kann mir nicht vorstellen, dass es etwas gibt, was ihm schwerfällt. 

Ich räuspere mich, unsicher, was ich ihm erzählen soll. Sein Arm liegt wieder auf der Rückenlehne. Ich spüre seinen Blick, der mich fesselt.

„Es gibt eine Sache, für die ihr Herz brennt“, stellt er lächelnd fest und stützt sein Kinn auf die Handinnenfläche. Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll, am liebsten würde ich laut JAAA schreien, traue mich aber nicht. 

„Okay, dann sind wir schon einen Schritt weiter“, sagt er und zieht seine Stirn in Falten. Ich muss lachen, weil seine Augen sich automatisch zu Schlitzen verengen.

„Wie meinen sie das?“, frage ich immer noch lachend. „Sie sind rot geworden und haben im ersten Moment nicht widersprochen, also gibt es etwas, wofür sie brennen.“ Er legt seine Stirn in Falten und wieder verengen sich seine Augen zu engen Schlitzen. „Sie können …, ich muss nur kurz überlegen“, er tippt mit seinem Zeigefinger auf seine Lippe, „es hat mit Musik zu tun“, ruft er laut aus und klingt so sicher, dass ich kurz zusammenzucke. Woher weiß er das? Er klatscht in die Hände und freut sich wie ein kleines Kind, das ein Geheimnis herausgefunden hat. 

Ich bleibe sitzen und schaue auf das Buch, was immer noch auf meinem Schoß liegt. „Okay?“, sagt er langsam, „das ist also bis jetzt nicht alles.“ Sein Blick brennt auf meiner Wange. Er mustert mich, schaut von meinem Gesicht zu meinen Händen, mit denen ich das Buch umklammere, bis zu meinen Schuhen und dann wieder zurück. „Ich glaube, ihre Leidenschaft ist das Klavierspielen.“ Mit weit aufgerissenen Augen schaue ich ihn an. 

Siegessicher lehnt er sich nach hinten, verschränkt die Hände an seinem Hinterkopf und streckt seine Beine weit von sich. „Also fassen wir zusammen. Sie spielen leidenschaftlich Klavier und darüber hinaus haben sie auch schon einmal was komponiert, natürlich schreiben sie auch ihre eigenen Texte und können sie auch singen!“ Mir bleibt der Mund offenstehen, er hat es so präzise ausgedrückt, besser hätte ich es auch nicht sagen können, bis auf den kleinen Unterschied, dass ich nicht so gut bin.

„Für den Hausgebrauch reicht es“, sage ich und schäme mich plötzlich, ihn in die Irre geführt zu haben. Ich fühle mich wie eine Betrügerin. „Ich kann ein wenig klimpern“, sage ich schnell. 

„Das glaube ich nicht!“ Kilian lacht leise auf. „Mir kommt das alles sehr bekannt vor“, sagt er und schaut mir tief in die Augen. 

„Verraten sie mir jetzt, wofür sie ihren Mut gebraucht haben?“, frage ich und finde mich schon sehr mutig dabei, ihm die Frage zu stellen. Er wendet seinen Blick von mir ab, setzt sich aufrechter hin und scheint zu überlegen.

„Ich kann ihnen sagen, wofür ich ihn auf alle Fälle benötigen werde.“ Mein Blick haftet auf ihn, ich bin so gespannt, seine Geschichte zu hören. „Ich benötige meinen ganzen Mut …“, er zögert kurz, „um sie zu fragen, ob sie morgen in die Buchhandlung am Schloss kommen wollen.“ Er atmet tief aus, als ob es ihn Überwindung gekostet hätte, mich das zu fragen.

„Ich? … Ich … komme gerne“, stottere ich, weil ich zwar etwas anderes erwartet habe, mich aber riesig freue, ihn wiederzusehen. „Können sie um halb vier da sein?“, fragt er und sein Lächeln hinterlässt eine angenehme Wärme in meinem Brustkorb.

„Ich komme gerne“, bestätige ich.

Nervös schaut er auf die Uhr. Er wischt sich die Hände an den Hosenbeinen ab und steht langsam auf. „Ich muss leider los, es war ein wunderschöner Nachmittag, hier mit ihnen, auf dieser Bank“, sagt er und schaut sich um. „Ich fand es auch wunderschön mit ihnen.“ Warum ist er so nervös? 

„Würden sie mir das bis morgen leihen?“ Er deutet auf das Buch. „Kein Problem“, sage ich und reiche es ihm. „Es ist meine Versicherung, dass sie wirklich kommen. Bis morgen, ich freue mich“, sagt er und hebt kurz seine Hand. „Ich werde da sein“, versichere ich ihm und schaue ihm nach. Im Gehen dreht er sich noch einmal kurz um, um mir zuzuwinken, was meine Vorfreude auf morgen steigen lässt. 

Ich betrete kurz vor halb vier die Buchhandlung und werde sofort stürmisch begrüßt. „Schön, dass sie so kurzfristig kommen konnten, es kann gleich losgehen.“ Der Mann, der etwas jünger als ich zu sein scheint, zieht mich durch die Buchhandlung, an Regalen vorbei und bleibt abrupt stehen, sodass ich gegen ihn remple. Er deutet auf den Flügel, der auf einer kleinen Bühne steht. „Wie sie es wollten, ich habe alles organisiert.“ Stolz präsentiert er sein Werk. 

„Ich bin nicht …, das ist eine …“, stottere ich und werde einfach die zwei Stufen nach oben geschubst. „Sie können gleich anfangen, die ersten Gäste sind schon da.“ Mit diesen Worten ist er auch schon wieder verschwunden. Was zum Teufel mache ich hier? 

Voller Ehrfurcht streiche ich vorsichtig über die Tasten und drücke eine langsam nach unten. Der Klang löst einen Schauer aus, der mir langsam den Rücken herunterkriecht. Ich setze mich an den Flügel und spiele verschiedene Tasten. Die unwillkürliche Reihenfolge wird abgelöst von einer Melodie, die sich langsam entwickelt. Ohne darüber nachzudenken, drücke ich die Tasten und versinke immer mehr in meinem Schaffen. Ich summe leise die Melodie mit. Die Worte, die sich langsam in meinem Kopf bilden, werden zu einem Text. Mein Herz schlägt schneller und kleine Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn. Das Zittern meiner Hände hindert mich am Weiterspielen. Ich muss kurz eine Pause machen. Ich behalte meine Augen geschlossen und spüre, wie mich die Melodie in einen Strudel der Gefühle zieht. Mut, Mut, Mut, ist das Einzige, was in meinem Kopf hämmert. Was hat Kilian gestern gesagt? Es gibt den richtigen Zeitpunkt, um mutig zu sein. 

Ich lege wieder meine Finger auf die Tasten. Die Melodie ist noch so präsent in meinem Kopf, dass es mir nicht schwerfällt zu beginnen. Meine Finger fliegen über die Tasten und der Text entsteht wie von selbst in meinem Kopf, als ob ich ihn vorgelesen bekomme. Erst summe ich nur, dann singe ich den Text, als ob ich es schon hundertmal gemacht hätte. Ich kann nicht verhindern, dass sich Tränen aus meinen Augenwinkeln lösen. 

Mit den letzten Akkorden fällt eine schwere Last von mir und ich sacke in mir zusammen. Meine Schultern fallen nach vorn. Ich höre Applaus. Bilde ich es mir ein? Ich hebe meinen Kopf und sehe Menschen vor der Bühne stehen, die mir applaudieren. 

Der Mann von eben prostet mir lächelnd mit seinem Sektglas zu.

Er kommt zu mir auf die Bühne. Ich springe auf und möchte die Situation aufklären. „Es tut mir leid, ich bin nicht …“, versuche ich zu erklären, bis er mich unterbricht. 

„Es war wunderschön, kannten sie meinen Bruder? Der Song passt so gut zu seinem Buch.“ Der Mann deutet auf das Plakat hinter uns, was mir noch gar nicht aufgefallen ist und nimmt dann das Buch in die Hand, was auf dem Flügel liegt. 

Ich gehe drei Schritte zurück, bis ich den Flügel in meinem Rücken spüre. Es ist das Buch, das ich gestern Kilian geliehen habe. Ich schaue auf das Plakat und sehe ihn, es sind dieselben warmen braunen Augen, die mich gestern im Park angeschaut haben. 

 

„Ich bin mit ihm hier verabredet“, sage ich und deute auf das Plakat. Dann wird mir seine Formulierung bewusst. Kannten sie meinen Bruder? 

Verwirrt schaut er mich an. „Was meinen sie? Das kann nicht sein, er ist vor fünf Jahren …“ Er stockt. Der Mann, der eben noch vor Freude sprühte, wirkt in sich zusammengefallen. Er senkt seinen Blick. 

„Was ist passiert?“, frage ich und schäme mich im nächsten Augenblick so unsensibel zu sein, aber ich muss wissen, was hier los ist.

Er räuspert sich. „Es war vor fünf Jahren, im Park … er hat dort oft an seinem Buch gearbeitet … auf der Bank, an der großen Eiche und dort hatte er einen Herzinfarkt.“ 

Mein Herz schlägt schneller, es war die Stelle, an der wir gestern zusammensaßen. 

„Aber das kann nicht sein, er war doch gestern dort!“, sage ich leise und schaue den Mann vor mir an. Er nimmt langsam meine Hände in seine und streichelt mit seinen Daumen über meine Handrücken. Unsere Blicke haben sich ineinander verstrickt und obwohl seine Augen in einem dunklen Blau glänzen, was an ein ruhiges Meer erinnert, strahlen sie die gleiche Wärme aus, die ich gestern bei Kilian gesehen habe. 

„Er war so alt wie ich heute“, sagt er mit brüchiger Stimme. Wieder senkt er seinen Blick, wahrscheinlich möchte er seinen Schmerz verstecken, den ich mit jeder Faser spüren kann. Ich habe das Gefühl, dass meine Beine mich nicht mehr tragen können. Ich taste nach dem Hocker und lasse mich auf ihn fallen. Kilians Bruder setzt sich neben mich.

Ich versuche, meine Gedanken zu ordnen, bis ich eine dunkle Stimme in meinem Kopf höre. „Du musst zur richtigen Zeit mutig sein“, flüstere ich. Tränen brennen in meinen Augen und trotzdem muss ich lächeln. Ich spüre einen Schauer, der durch meinen Körper zieht und eine angenehme Wärme hinterlässt.

„Ich kann ihnen gar nicht sagen, wie oft mein Bruder das zu mir gesagt hat“, sagt er mit dem Stolz in der Stimme, die nur ein kleiner Bruder haben kann. 

Aus dem Augenwinkel beobachte ich, wie sich seine Mundwinkel zu einem Lächeln bewegen.

„Ich hätte das eben niemals gemacht, wenn er gestern nicht gewesen wäre“, gestehe ich leise, „er hat mir den Mut gegeben.“ Ich spüre eine Hand auf meiner und nehme die Wärme wahr, die direkt in mein Herz wandert. „Ihr Bruder war ein außergewöhnlicher Mann“, füge ich noch hinzu und schaffe es nicht, meine Tränen zurückzuhalten. 

„Das war er!“, sagt er und drückt leicht meine Hand.

Unsere Blicke treffen sich. Ich sehe sehr viel Ähnlichkeit: die gleichen vollen Lippen, die geschwungenen Augenbrauen und das kleine Grübchen auf der linken Wange. Er zieht seine Augenbrauen zusammen, was Falten auf seiner Stirn entstehen lässt und seine Augen zu Schlitzen verengt. Ich muss lächeln, weil ich es gestern schon genau so gesehen habe. 

Er fängt mit seinem Finger eine Träne auf. „Geht es dir gut?“, fragt er leise und ist mir so nah, dass ich seinen Atem auf meinem Gesicht spüre. 

„Mir geht es gut“, sage ich und muss mich räuspern, „es war mir eine große Ehre für deinen Bruder heute spielen zu dürfen“

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.